Eine Frage des Standpunkts: KUNST und POLITIK

bnjkf64o

 

RINGVORLESUNG, SS 2013 – kann Mensch sich als Lehrveranstaltung Kunstgeschichte anerkennen lassen!

Immer mehr drängt sich der Eindruck auf, dass in einer den Automatismen wirtschaftlicher Sachzwänge unterworfenen und um tatsächliche Einflussnahme gebrachten Gesellschaft sich die Rufe nach Engagement und Mitbestimmung reflexhaft mehren. Hatte Kunst lange Zeit irgendwas mit Ästhetik zu tun, ist sie spätestens seit den letzten Berliner Biennalen und der dOCUMENTA (13) eine Frage des Standpunkts. Wurden Kunstwerke früher zumeist nach dem Grad ihrer materialisierten Einzigartigkeit und handwerklichen Raffinesse („Das kann ich auch!“) beurteilt, steht heute die Frage der eindeutigen Botschaft („Was soll uns das sagen?“) im Mittelpunkt.
Klar ist, dass Absicht und Wirkung oft weit auseinander liegen. Dort, wo unter dem Imperativ eines „anything goes“ und unter den Bedingungen automatisierter, von individuellem Verhalten unabhängiger Prozesse die politische Wirkung von Kunst gegen Null tendiert, muss der Fokus stärker auf der Absicht liegen. Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Kunst noch ein Mittel der Rebellion darstellte, führt im Kunstbetrieb der stagnierenden kapitalistischen Gesellschaften zu einem romantisierenden Blick auf die Länder des globalen Südens. Dort kann die individuelle gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit autokratischen Systemen und Diktaturen tatsächlich noch Auslöser von Veränderung sein und für die KünstlerInnen, wie beispielsweise den berühmten Ai Weiwei oder die iranischen Filmemacher Mohammad Nurisad und Dschafar Panahi, nicht selten auch lebensbedrohliche Folgen haben.
Kann es unter den hiesigen Bedingungen einer allem Anschein nach fast unendlichen „repressiven Toleranz“ (Marcuse) überhaupt noch eine emanzipatorische dezidiert politische Kunst geben, oder läuft Kunst mit unmittelbar engagiertem Anspruch eher auf das Gegenteil hinaus? Lässt sich überhaupt noch von einer Trennung von Kunst und Politik, wie sie die Situationistische Internationale aufheben wollte, sprechen? Oder ist unter den Bedingungen von Propaganda, ästhetisierter Politik und politischem Zweckanspruch in den Künsten das autonome, transzendente Kunstwerk, das als Prinzip demzufolge überhaupt nicht im Leben aufgehen kann, längst Geschichte?
Es gibt viele Gründe, die Frage nach Bedingungen, Möglichkeiten und Auswirkungen politisch intendierter wie auch politisch relevanter Kunst sowohl aus einem theoretischen als auch praktischen Blickwinkel zu stellen. Die diesjährige Ringvorlesung der Vernetzung politischer Hochschulgruppen hofft, einige Antworten geben zu können und noch mehr Fragen aufzuwerfen.

Programm

  • 09. April: Über den Fortschritt in der Kunst (Magnus Klaue)
  • 16. April: Eigentum verpflichtet – auch das geistige? Urheberrecht in Zeiten postkreativer Aneignung (Michael Schmelich)
  • 23. April: Die Politisierung der Kunst, heute (Roger Behrens)
  • 30. April: kurzfristiger Ausfall des Referenten, Ersatzveranstaltung ist in Planung
  • 07. Mai: Mit Farbe und Pinsel gegen Tränengas-Granaten – StreetArt in Ägypten (Nabil Yacoub)
  • 14. Mai: „Anarchie ist die höchste Form der Ordnung.“ Ein kuratorisches Experiment zwischen Kunst, Politik und Fiktion (Dietmar Rübel)
  • 28. Mai: „Erst Frieden, dann wieder Liebe“ – Aristophanes´ Lysistrata und andere Beispiele aus dem politischen Theater im antiken Griechenland (Wilm Heinrich)
  • 04. Juni: Einmischung und Autonomie. Zum Verhältnis von Kunst und Politik aus soziologischer Perspektive. (Tino Heim)
  • 11. Juni: Inhalte überwinden! (Martin Sonneborn)
  • 18. Juni: Kritik – Protest – Demontage – Kunst! (Queer-) Feministische Interventionen von Guerilla Girls bis Ad-Busting. (Mirjam Frotscher)
  • 25. Juni: Krise, Kunst und der Wahn der Unmittelbarkeit (Werner Fleischer)
  • 02. Juli: An Leid gewöhnt. Die Kritische Theorie der Kulturindustrie (Marc Grimm)
  • 09.Juli: Des Kaisers neue Kleider – Zensur und Verfolgung von Publizisten im 21. Jahrhundert (Judith Rang)

0 comments:

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>